Wolgast, Herz Jesu

Ein Gotteshaus für die Schnitter

– eine kurze Geschichte der Kirche Herz Jesu zu Wolgast

1910 war das Jahr, in dem ein gewisser Georg Saldfieder Stadtmusikus in Wolgast war und eine Dame namens Wilhelmine König Hebamme. Es war das Jahr, in dem es 20 Bäckereien im Ort gab. Das Jahr, als eine Bahnfahrt nach Heringsdorf in der 2. Klasse 4,90 Mark kostete und das Fegen des Schornsteins 20 Pfennig. Und es war das Jahr, als Wohnraum vermutlich knapp war in der florierenden Peenestadt. Heute kaum vorstellbar! Unter anderem hatten die beiden großen Portlandzementfabriken des Pommerschen Industrie-Vereins auf Actien zu Wolgasts wirtschaftlichen Aufschwung beigetragen. Es gab ein Amtsgericht mit zwei Richtern, weiterführende Schulen und ein „Concerthaus“ samt Theatersaal, Geschäfte voller Luxusgüter, ein lebendiges Vereinsleben und allerlei andere Zerstreuungen. Im „Adreß-Buch der Stadt Wolgast“ von 1910 ist zu lesen:„Die hügelige Umgebung der Stadt, mit geschmackvollen, parkähnlichen Anlagen und weitem Rundblick über Land und Wasser, ist eine der schönsten in dem sonst so flachen Neuvorpommern“. Mit heutigen Worten: Die Kreisstadt Wolgast war 1910 ein Hotspot, ein place to be.

1910 war auch das Jahr, in dem die Katholische Kirche Herz Jesu in Wolgast geweiht wurde. Eine katholische Kirche war eigentlich ungewöhnlich für einen Ort, der laut der letzten Volkszählung 8209 Einwohner von vornehmlich evangelischer Konfession hatte. Aber der Wohlstand zog viele polnische und schlesische Gastarbeiter an, die katholisch getauft waren. Vor allem Schnitter, also Erntehelfer, die auf den umliegenden Höfen arbeiteten. Das Backsteingebäude von Herz Jesu wurde für sie innerhalb von einem Jahr im Stil der Neogotik am äußersten Stadtrand Wolgasts, in Nähe zum Bahnhof, errichtet. Nach Plänen von Architekt Joseph K. Tietz aus Greifswald entstand ein Langhaus mit hohen Lanzettfenstern. Das Eingangsportal im Südostgiebel wurde von zwei dreibahnigen Fenstern flankiert. An der südöstlichen Ecke des Kirchenschiffs schloss ein Turm mit quadratischem Grundriss und Pyramidendach an, in dem 1955 erstmals eine Glocke läutete. Im Jahr 1917 wurde der spätere Widerständler Vincenz Plonka Seelsorger für die katholischen Saisonarbeiter rund um Wolgast. In Plonkas Amtszeit erhielt das bis dahin noch weitgehend leere Gebäude eine lebensgroße Kreuzigungsgruppe, eine Herz-Jesu-Figur und die Figuren der Maria und des Antonius, die 1921 in Oberammergau gefertigt wurden. Unter dem Greifswalder Pfarrer Robert Plonka wurde Herz Jesu im Mai 1925 unabhängig. Den Zweiten Weltkrieg überstand Wolgast, bis auf die Sprengung der Peenebrücke im April 1945 durch die Wehrmacht, ohne nennenswerte Zerstörungen. Ein Umstand, der vor allem auf die kampflose Übergabe der Stadt am 30. April 1945 an die Rote Armee zurückzuführen ist. Nach 1945 erhielt die katholische Kirchengemeinde zunächst Zuwachs durch Flüchtlinge und Umsiedler, so dass die Zahl der Gemeindemitglieder auf bis zu 4000 anstieg. In den 1960er Jahren wurden damit begonnen, die Ausstattung der von Herz Jesu zu erweitern, um neue Fenster nach Entwürfen von Paul Stippekohl und einer Orgel der Firma Jehmlich, des heute weltweit ältesten Orgelbaubetriebs aus dem Erzgebirge. Anfang der Siebziger Jahre kamen ein neuer Altar aus Rochlitzer Marmor und eine Sakristei hinzu. Die Umwandlung der Wolgaster Gemeinde in eine eigene Pfarrei erfolgte 1969, 2004 wurden die Katholischen Gemeinden Salvator Anklam und Herz Jesu zusammengeschlossen. Heute ist Herz Jesu Teil der am 1. Januar 2020 neu formierten Pfarrei St. Otto Usedom-Anklam-Greifswald. Der gesamte pastorale Raum zählt derzeit auf einer Fläche von 2.330 Quadratkilometern rund 4.800 Katholiken.

Ein anderer sakraler Bau in Wolgast begeht in diesem Jahr ein großes Jubiläum: 1420 errichtet, feiert die Gertrudenkapelle 2020 ihren 600. Geburtstag. Sie stammt aus einer früheren Blütezeit für Wolgast, dem Mittelalter. Aufgrund der günstigen Lage am Peenestrom entwickelte sich der Ort damals zu einer wohlhabenden Handelsstadt. Der Aufstieg begann Ende des 13. Jahrhunderts, als Wolgast Stammsitz der Greifen-Herzöge wurde. Historischen Überlieferungen zufolge wurde die Kapelle von einem dieser pommerschen Herzöge, von Herzog Wartislaw IX. (1400–1457), nach dessen Rückkehr von einer Wallfahrt ins Heilige Land gestiftet. Zwar kann eine Pilgerreise Wartislaws nicht belegt, aber doch für die Jahre 1418/1419 vermutet werden, die anschließende Stiftung eines Gertrudenhospitals in seiner Residenzstadt Wolgast ist naheliegend.

Der zwölfeckige Zentralbau aus Backstein ist eine Nachbildung der Grabeskirche in Jerusalem. Der Bau südlich der Chausseestraße auf dem Alten Friedhof ist ein herausragendes Beispiel der Backsteingotik und zählt zu den ältesten erhaltenen Gebäuden der Stadt. Die Kapelle erhielt das Patrozinium der Heiligen Gertrud von Nivelles, der Schutzpatronin der Pilger und Reisenden. Ursprünglich gab es rund 31 dieser Kapellen in Pommern. Heute sind neben Wolgast nur noch drei dieser Zentralbauten erhalten geblieben: in Koszalin/Köslin, Darłowo/Rügenwalde und in Słupsk/Stolp. Sie wurden als Teil einer Herberge errichtet. Wenn die Stadttore abends schon verschlossen waren, konnten die Fremden hier Gebet und Unterkunft finden. Zu den Besonderheiten der Wolgaster St.-Gertrud-Kapelle gehören die Hausmarken an der Mittelsäule, quasi “Ich war hier”-Zeichen der Reisenden. Nach der Einführung der Reformation im Herzogtum Pommern 1534 diente der Bau als Friedhofskapelle. Auf dem umliegenden Gertrudenfriedhof wurden die wohlhabenderen Wolgaster Bürger bestattet. Als 1713 während des Großen Nordischen Krieges die Stadt auf Befehl des Zaren Peter I. niedergebrannt wurde, blieb die Kapelle unversehrt. Der Wolgaster Totentanz, der mit seinen 25 großformatigen Gemäldetafeln zu den wenigen noch erhaltenen monumentalen Totentanz-Darstellungen in Norddeutschland gehört, war ursprünglich in der Gertrudenkapelle zuhause. Bei einer Renovierung der Kapelle 1868 kam der Zyklus zunächst in die Jürgen-Kapelle. Als diese zum Gemeindehaus umgewidmet wurde, gelangte der Totentanz in die Wolgaster Petrikirche. 1995 wurde die Kapelle im Außenbereich erneuert, 2019/2020 folgten Sanierungsarbeiten im Innern. Seit dem 15.06.2020 kann die Kapelle montags und donnerstags von 11:00 bis 15:00 Uhr besichtigt werden.

Mit der Geschichte von Herz Jesu und der Gertrudenkapelle möchten wir eine Serie von kleinen historischen Streifzügen durch die Gemeinden unserer großen Pfarrei beginnen, die in loser Reihenfolge für die anderen Standorte fortgesetzt wird. Petra Schönhöfer

Quellen: Adreßbuch der Stadt Wolgast 1910, Wikipedia, Website Europäische Route der Backsteingotik

   

reguläre Gottesdienste in Herz Jesu
Samstag 15:30 erste Sonntagsmesse in der evangelischen Dorfkirche in Lubmin  
Sonntag 09:00 Sonntagsmesse an jedem 1. Sonntag im Monat mit anschließendem Gemeindefrühstück  
Montag 09:00 Heilige Messe    
Mittwoch 09:00 Heilige Messe an dem 1. Mittwoch im Monat anschließend Seniorenfrühstück  
Freitag 09:00 Heilige Messe    

 

Anfahrt Herz Jesu

⛪ August-Dähn-Straße 10, 17438 Wolgast  
☎  (03834) 5735-0
✉  pfarramt @ sankt-otto.de

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